Lies und (p)lausch

Krimi- und Drehbuchautorin Jennifer B. Wind liest, talkt und rezensiert für mywoman.at

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Dienstag, 15.12.2015, 22:00

Liebe Leser/innen,

der dritte Adventsonntag ist vorbei, der vierte naht und Weihnachten rückt immer näher. Wir Menschen rücken ebenfalls näher zusammen. Man besinnt sich auf das Wesentliche und versucht mehr Zeit miteinander zu verbringen. Zumindest diejenigen, die nicht schon komplett der Konsumhysterie verfallen sind.

In dieser stillen Zeit sind nicht alle Menschen glücklich. Es gibt viele einsame und verlassene Menschen, die das Alleinsein besonders in diesen Wochen rund um Weihnachten schmerzhaft spüren und genau jetzt ihre Lebenslust verlieren. Dabei sehnen sie sich, wie wir alle nur nach Liebe. Rund um Weihnachten verabschieden sich deshalb auch mehr Menschen vom Leben als zu anderen Zeiten. Somit ist Weihnachten nicht für alle die glücklichste und schönste Zeit des Jahres. Jeder, dem es gut geht und der Liebe erfährt, kann also dankbar und wertschätzend auf den Partner und sein Leben blicken.


Deshalb passt der Roman, den ich euch heute vorstellen möchte sehr gut. „Jahrhundertsommer“ ist ein Liebesroman, der etwas anderen Art. Der Autor Raoul Biltgen hat mit diesem Werk etwas Großartiges geschaffen, das ich euch sehr ans Herz legen möchte. Ich habe das Buch gelesen und durfte den Autor auch interviewen.


Aber vorher stelle ich euch Raoul Biltgen kurz vor:

(Foto: ©Bianca Kübler)


Raoul Biltgen wurde 1974 in Luxemburg geboren, lebt seit über 20 Jahren in Österreich. Am Konservatorium der Stadt Wien hat er eine Schauspielausbildung absolviert, war dann am Bregenzer Landestheater engagiert, anschließend am Theater der Jugend in Wien als Dramaturg beschäftigt. Seit 2003 lebt er als freischaffender Schauspieler, Theatermacher und Schriftsteller in Wien. Derzeit absolviert er die Ausbildung zum Psychotherapeuten.


Seit seinem 16. Lebensjahr veröffentlicht Raoul Biltgen Kurzgeschichten in diversen Magazinen und Anthologien in Luxemburg, Deutschland und Österreich, 2014 wurde er für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi nominiert. Sein erstes Buch erschien 1999, Gedichte. Seither erschienen insgesamt 5 Bücher bei Verlagen in Luxemburg und Österreich. Vor allem aber ist er als Dramatiker tätig und seine an die 40 Theaterstücke waren bisher in Luxemburg, Deutschland, Österreich, China und Mexiko zu sehen. 2001 bekam er das Literar Mechana Dramatiker Stipendium. Die Drama Slam hat er mehrfach gewonnen.

Seit einigen Jahren schreibt Raoul Biltgen unter dem Pseudonym Adam Klee eine wöchentliche Online-Liebes-&-Sex-Kolumne: Adam spricht es aus – was sich Frauen nicht zu fragen und Männer nicht zu sagen trauen. www.adamspricht.com

Buchveröffentlichungen:
- Manchmal spreche ich sie aus, Lyrik, Op der Lay, 1999
- Heimweg, kurze Prosa, Op der Lay, 2000
- perfekt morden, Roman, Molden, 2005; LeMarron Marrant 2015
- einer spricht, Monologe, Op der Lay, 2007
- und Danke für den Apfel, Monologe, Amalthea, 2014




Im September 2015 erschien sein neuer Roman Jahrhundertsommer bei Verlag Wortreich.
Ich habe das Buch natürlich gelesen, das sich prima als Weihnachtsgeschenk eignet.


Hier meine ganz persönliche Meinung:



(Coverfoto: ©Verlag Wortreich)


Jahrhundertsommer


Ein Mann kann mit jeder Frau glücklich werden, solange er sie nicht liebt.
(Oscar Wilde)


Raoul Biltgen ist für ungewöhnliche Bücher und Geschichten abseits des Mainstreams bekannt und beliebt. Nach „Und Danke für den Apfel“, einer kurzen satirischen Geschichte über der Menschheit, und zahlreichen Kurzgeschichten legt der Autor nun einen neuen Roman vor, eine Liebesgeschichte, die zwischen Wien und Bregenz spielt und sogar mit etwas Lokalkolorit aufwartet.


Der Autor verwebt kunstvoll zwei Zeitebenen und Erzählstränge ineinander, nicht chronologisch, nicht sofort offensichtlich, nicht aufgesetzt konstruiert.

Wo beginnt die Geschichte? Wo endet sie? Das erfährt man erst nach und nach. Ein Liebesroman? Eine Tragödie? Ein Krimi? Ein Sehnsuchtsroman? Das bleibt Interpretationssache. Auf Namen verzichtet er genauso wie auf Daten oder Kapitelbezeichnungen.


Fakt ist: Er liebt sie. Und nur sie. Sie ist die Eine. Vor ihr war das Nichts und nach ihr breitet sich Dunkelheit über sein Leben aus, sie verhüllt ihn wie ein zu schwer gewordener Mantel, verklebt ihm die Augenlider, liegt wie ein Kohlehaufen in seinen Eingeweiden und frisst sich durch sein Gehirn bis er nur noch einen Ausweg weiß.

Die Pistole ist schnell organisiert. Doch die Dunkelheit grinst ihm ins Gesicht, alle Kraft hat sie ihm genommen, sodass er es nicht einmal schafft, seinem Leben ein Ende zu bereiten und es ist niemand da, der für ihn abdrücken könnte. Denn ein Leben ohne sie ist nur das grausam verzerrte Spiegelbild eines Lebens. Und als er da sitzt mit der Pistole in der Hand, weint er zum ersten Mal seiner verlorenen Liebe nach, die er in Bregenz kennen gelernt hat.


Damals als die Welt zu leuchten begann, weil der Blitz einschlug als sie ihm von der Lok aus zuzwinkerte, mit der sie Touristen an der Seepromenade entlang kutschiert. Sie liebt ihn auch, sagt sie jedenfalls. Und er spürt diese Liebe.


Gemeinsam brennen sie durch, leben wie im Traum, einen Sommer lang, liegen und lieben meist nackt in einer Bucht und denken nicht an das Morgen. Haut an Haut atmen sie einander ein. Die Welt um sie herum zerfließt und löst sich auf.


Umso härter schlägt der Alltag in der Beziehung zu. Die Charaktere bemerken wie unterschiedlich sie eigentlich sind. Sie zieht bei ihm in Wien in seine kleine Wohnung ein. So klein, dass sie ihr bald zu eng wird. Die Wohnung. Die Beziehung.

Er sehnt sich nach einem Leben mit ihr, nach Zugeständnissen und Verbindlichkeit. Sie sehnt sich nach Weite, nach Freiheit und der Unbeschwertheit. Das kann nicht funktionieren.

Oder doch? Und dann gibt es da noch eine weitere Frau. Keine Erscheinung, kein Lichtwesen, aber weich und warm und in sich ruhend. Ein Lichtblick? Ein Hoffnungsschimmer? ...


Raoul Biltgen erzählt schnörkellos, seine wundervoll poetische Sprache lässt Bilder im Kopf entstehen, manchmal sanft ausfließende, ineinander verschmelzende Gemälde, die sich beim Betrachten wärmend auf die Seele legen, ein anderes Mal blitzartig, sich einbrennende bizarre Farbkleckse, die schockieren, aufwühlen und sich schmerzhaft im Gedächtnis verankern.

Oft ist der Wunsch da, ganz in die Geschichte einzutauchen, manchmal jedoch will man die Hände über die Augen legen, zu tief dringt Erlebtes der Figur in einen ein, aber man will wissen wie es weiter geht, man muss – mit angehaltenem Atem – auf die nächste Seite blättern und hat den Drang dem Protagonisten bis zum Ende zu folgen, wie auch immer das aussehen mag.

Mosaikstein folgt auf Mosaikstein, daraus entsteht ein Vexierbild, das den Leser fordert, ihn zu unterschiedlichen Betrachtungsweisen zwingt, die Geschichte aus vielen Winkeln sehen lässt, vorsichtig an der Hand nimmt und ihm Unsichtbares wie Deutliches darlegt.

Doch wie bei einem Kaleidoskop gibt es keine allgemein gültige Deutung, keine starre Prämisse oder einen exakten roten Faden. Je nachdem wie man das Gerät dreht, erscheint einem das Bild in einem anderen Licht. Genauso ist es bei diesem Roman.

Trotzdem ist es keine Aneinanderreihung von abgekoppelten Szenen, wie man es oft in literarischen Romanen findet. Raoul Biltgen hat einen herausfordernden Plot für den anspruchsvollen Leser kreiert. Die Geschichte ist atmosphärisch dicht geschrieben, hier ist kein Wort zu viel, auch wenn die Sätze lang sind.


„Jahrhundertsommer“ ist nicht einfach ein Liebesroman, es ist vor allem eine Geschichte über die Sehnsucht. Sehnsucht nach dem besonderen Gefühl, Sehnsucht gesehen zu werden, Sehnsucht zu verschmelzen, Sehnsucht der oder die Eine für Jemanden zu sein, Sehnsucht sich vollkommen zu fühlen, Sehnsucht dem Leben einen Sinn zu geben.


Und es ist die Geschichte eines Verlusts, der dem Protagonisten das Gefühl gibt, persönlich gescheitert zu sein. Und genau deshalb ist dieses Buch auch zutiefst menschlich und bewegend. Denn das Gefühl des Scheiterns am Ende einer Beziehung hat jeder schon erlebt. Und wie alle, die in diesem Kummer feststecken, zieht sich auch der Protagonist die Decke über den Kopf und leidet. Hier kann sich der Leser in die Figur hineindenken, fühlt mit ihm mit, versteht ihn, daraus entsteht ein Sog, der niemanden kalt lässt.

Der Autor beweist mit „Jahrhundertsommer“ einmal mehr sein literarisches Können. Der Roman hat Tiefgang, die namenlosen Charaktere haben Substanz und sind hervorragend gezeichnet. Nichts an diesem Roman ist flach oder kitschig. Der Autor beschönigt nichts, das hässlich ist, und feiert, was wundervoll ist, nennt die Dinge beim Namen, gleitet dabei niemals ab und vermag es die Balance zu halten.


Das macht aus „Jahrhundertsommer“ ein rundum gelungenes, sprachlich ausgefeiltes Werk und ein Leseerlebnis der besonderen Art, wie man es selten findet.


Fazit: Ein Buch, das ihn jedem Bücherregal von Literaturliebhabern stehen sollte. Ein Autor, der Beachtung und viele Leser/innen verdient hat. Mein Literatur-Highlight 2015 und meine Empfehlung für alle Sehnsüchtigen und Liebenden.






Wenn ihr jetzt Lust auf das Buch bekommen habt, findet ihr unten noch einen Trailer zur Einstimmung und auf der Seite des Verlags eine Leseprobe: http://verlag-wortreich.at/buecher/jahrhundertsommer/


Ihr wollt den Autor kennen lernen. Dann wünsch ich euch jetzt viel Spaß beim Interview!!



(Foto: ©Alexander Huegel)


Lieber Raoul, danke, dass du dir Zeit genommen hast, mir ein paar Fragen zu beantworten. Vor kurzem wurde dein Roman „Jahrhundertsommer“ im Verlag Wortreich veröffentlicht. Ein Liebesroman der anderen Art. In der Danksagung bedankst du dich nur bei einer Person. Einer Frau die Touristen über die Seepromenade in Bregenz kutschiert. Hat sich dein Roman dort im Jahr 2003 schon in deinem Kopf formiert oder erst später?

Tatsächlich ist dort in Bregenz bereits der komplette Roman entstanden. Ich habe als Schauspieler bei den Bregenzer Festspielen gearbeitet, und wie das am Theater so ist: Sobald die Vorstellungen anfangen, arbeitet man zwar jeden Abend, aber tagsüber hat man frei. Und es war auch noch so unglaublich heiß 2003, dass ich mich entweder lesend an der Seepromenade aufgehalten habe, oder ich habe mich in meine Mietwohnung zurückgezogen. Und dort habe ich einfach mal so vor mich hin geschrieben. Herausgekommen ist die erste Fassung des Romans, der jetzt veröffentlicht wurde. Natürlich hat sich viel daran verändert, und das, was ich damals geschrieben habe, hätte wohl so nicht gedruckt werden können, aber die Grundstruktur der Geschichte ist genau da schon zu Bildschirm gebracht worden.





(Foto: Das Vorbild zur Protagonistin in Bregenz; ©Raoul Biltgen)



Dein Roman hat zwei Handlungsstränge, einen in der Vergangenheit und einen in der Gegenwart, wobei nicht von Anfang an genau klar ist, wann welche Ereignisse spielen. Wie bist du auf diesen Aufbau gekommen?

Das hat sich für mich vollkommen natürlich so entwickelt. Ich wollte beide Ebenen einer Liebesgeschichte beschreiben: Jene, in der alles super ist, und jene, in der alles vorbei ist. Und diese Ebenen haben einfach mehr miteinander zu tun, als dass sie nur zeitlich nacheinander vorkommen. Die Vergangenheit hat ständig Einfluss auf die Gegenwart, Leben passiert meiner Meinung nach nicht linear, zumindest nicht in unseren Köpfen oder Herzen. Die beiden Zeiten parallel zueinander zu erzählen, hat mir die Möglichkeit gegeben, die Emotionskurve meines Protagonisten von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt direkt nebeneinander, statt nur nacheinander zu stellen.


(Raoul Biltgen bei einer Lesung; Foto: © Sabina Naber)


Der Roman wird zu 80% von zwei Personen getragen, spielt auch an keinen spektakulären Schauplätzen und entwickelt trotzdem eine Sogwirkung dem man sich als Leser kaum entziehen kann. Hast du dir vor dem Schreiben einen Szenenplan erstellt oder bist du der klassische Drauflosschreiber?

Ich bin ein ausschließlicher Drauflosschreiber. Ich weiß in etwa, wo die Reise hingehen könnte, aber selbst das schreibe ich mir nicht auf. Ich möchte mich von mir selber und meinen Protagonisten überraschen lassen. Und ich möchte mich selber in eine Geschichte hineinfallen lassen können. Ich glaube nicht, dass ich es planen könnte, etwas so zu schreiben, dass es nachher Leser in den Bann ziehen kann, denn das passiert nicht auf einer theoretischen Ebene, sondern auf einer emotionalen. Und Emotionen will ich nicht planen, ich will sie erleben.


(Foto: Alexander Hügel)


In „Jahrhundertsommer“ geht es um das Überthema Suizid. Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen denken zumindest einmal daran, sich das Leben zu nehmen. Kennst du solche Gedanken auch?

Kaum. Oder besser gesagt: Seit vielen Jahren und Jahrzehnten gar nicht. Als Teenager fand ich den Gedanken faszinierend, mich beim nach Hause gehen einfach mal auf die Fahrbahn vor ein Auto zu schmeißen. Aber das hatte nichts mit Suizidgedanken zu tun, sondern damit, das Leben greifbar zu machen. Indem ich mir das Ende greifbar gemacht habe. Ein Gedankenspiel eben. Solche Spielereien erlaube ich mir jetzt eben in der Literatur.


(Foto: © Alexander Hügel)


Mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen nehmen sich das Leben? Woran kann das liegen?

Dafür gibt es sehr sehr viele Gründe. Einer ist sicher, dass Männer stark sein müssen. Sie dürfen keine Schwäche zeigen. Aber sie sind auch nur Menschen, die Männer. Mit ihren Schwächen. Nur wenn sie sich nie die Möglichkeit geben, sich oder anderen das zuzugestehen, wird es ganz einfach irgendwann zu viel. Und der Suizid, der durchgeführte, ist im Grunde abermals ein Weg, nicht zu den Schwächen stehen zu müssen, denn sich tatsächlich zu töten, es wirklich durchzuziehen, erfordert sehr viel Mut, auch wenn manche denken, es sei Feigheit vor dem Leben. Also männlich bis zum Schluss. Das darf man natürlich nicht verwechseln mit einem Suizidversuch. Dies ist in den allermeisten Fällen ein Hilfeschrei. Wenn man sich nicht mehr zu helfen weiß, und wenn man entweder nicht gelernt hat, um Hilfe zu bitten, oder wenn das, was man an Signalen gedacht hat, ausgesendet zu haben, nicht verstanden oder ignoriert wurde, dann bleibt nur diese letzte Möglichkeit. Und es ist eine letzte Möglichkeit: Wenn dieser Hilfeschrei nicht gehört wird, dann wird aus dem Versuch ein durchgeführter Suizid. Es ist ein entweder oder. Und das entspricht wieder diesem angeblich männlichen Denken.


(Cover: ©Verlag Wortreich; Gemälde von Alice Haring)


Eine Frage bezüglich dem Cover. Es handelt sich hierbei um ein Gemälde. Wie kam es dazu, dass dieses Cover verwendet wurde.
Das Cover-Bild wurde von der Malerin Alice Haring gemalt, und zwar ist es ein Ölgemälde auf Glas. Alice malt für alle Bücher, die beim Verlag Wortreich erscheinen, die Cover, nachdem sie als eine der Allerersten das Manuskript liest. Es war der Verlegerin Karoline Cvancara von Anfang an ein Anliegen, die Bücher auch so zu gestalten, dass das Äußere dem Inhalt gerecht wird. Also nicht die ewig gleichen Stockfotos, die auf jedem zweiten Buch sein können, Hauptsache bei Liebesromanen ist Rosa drin und bei Krimis schwarz und rot. So aber finde ich, ist es ihr gelungen, eine sehr schöne Linie mit Wiedererkennungswert und trotzdem höchstmöglicher Individualität zu schaffen. Mir wurde dieses Bild als Covermotiv vorgelegt, und ich war gleich sehr begeistert.

(Eines der Schnitzbilder von Raoul Biltgen. Die Protagonistin? © Raoul Biltgen)


Die Frau, in die sich dein Protagonist verliebt hat kurze blonde Haare. Deine Freundin ebenso. Zufall?

Was ist schon Zufall? Aber wenn du meinst, ich hätte meine weibliche Hauptfigur nach meiner Freundin gezeichnet: Nein. Jene junge Dame, die mich 2003 zu der Geschichte inspiriert hat, hatte kurze blonde Haare. Und das war doch einige Zeit, bevor ich meine Freundin kennenlernte. Aber vielleicht ist es ja so, dass mir diese Frau damals aus dem gleichen Grund aufgefallen ist, wie einige Zeit später meine Freundin. Weil ich eine Vorliebe für Frauen mit kurzen Haaren habe. Könnte ja sein.

(Foto: ©Gerhard Klocker)


Du bist vielen Leser/innen ein Begriff durch deine Sexkolumne im Blog Stil „Adam spricht es aus“, die seit 2010 wöchentlich erscheint. In über 300 Texten und mehr als 30 Videos konfrontierst du die Leser/innen mit sexuellen Themen von Selbstliebe über Analverkehr bis hin zu Tabuthemen wie Natursekt oder Ekelpornos. War die Zeit reif dafür oder welcher Grundgedanke war die Initialzündung zu diesem Großprojekt.

Es war immer mein Traum, eine eigene Kolumne zu schreiben. Und die Gelegenheit dazu habe ich von einem Frauen-Online-Magazin bekommen. Und da habe ich mir die Frage gestellt: Was kann ich als Mann für ein Frauenmagazin schreiben? Die Antwort war: Ich erkläre den Frauen, wie wir Männer so ticken. Natürlich mit Augenzwinkern. Aber trotzdem, wenn ich mich ernsthaft mit Männlichkeit und ihren Definitionen auseinandersetze, dann muss ich auch bereit sein, über Dinge wie Analverkehr zu schreiben. Das Frauenmagazin war allerdings schlecht, also habe ich mir meinen Adam genommen und habe ihn selbständig auf die Beine gestellt. Und dass ich das so viele Jahre Woche für Woche machen würde, das hätte ich damals, als ich damit angefangen habe, selbst nie für möglich gehalten.


(Schnitzbild: ©Raoul Biltgen)


Du schnitzt auch Akt-Portraits in Holz und bemalst sie teilweise mit Acryl. Man hat den Eindruck, dass Erotik in deinem Leben eine sehr große Rolle spielt. Nur mein Eindruck?

Natürlich spielt das eine große Rolle, keine Frage.

(Szene aus Kissenmann; © Raoul Biltgen)


Du bist Schauspieler und hast sogar Ballett gemacht. Unzählige Theaterstücke stammen aus deiner Feder. Bist du lieber hinter oder auf der Bühne?

Ja. Ich bin in der glücklichen Lage, mich nicht entscheiden zu müssen. Ich war nach meiner Schauspielausbildung fix in einem Engagement an einem Landestheater, das heißt, ich stand vor allem auf der Bühne. Da habe ich gemerkt, dass mir das nicht reicht. Trotzdem spiele ich unglaublich gerne Theater, es macht mir sehr sehr viel Spaß. Also habe ich mich dazu entschlossen, mich nicht für oder gegen das eine oder andere zu entschließen, sondern alles zu machen. Und es funktioniert. Und es nimmt unglaublich viel Druck raus. Gerade als freier Schauspieler ist es ein enormer Stressfaktor, sich immer darüber Gedanken zu machen, wo das nächste Engagement herkommt. Dem habe ich mich ganz einfach entzogen.

(Wer ist Raoul Biltgen? Szene aus Geschichten aus dem Wienerwald; © Eva Stiftinger)


Du bist in Luxemburg geboren. Wie hat es dich nach Österreich verschlagen und warum bist du geblieben?

Ich wollte immer schon Schauspieler werden. Also habe ich nach der Matura Aufnahmeprüfungen an Schauspielschulen gemacht. Erstmal erfolglos. Aber meine damalige Freundin ist nach Wien gezogen, also bin ich einfach mal mit und habe es hier an Schauspielschulen probiert, und es hat geklappt. Dadurch hat sich einfach mein beruflicher Lebensmittelpunkt in Österreich entwickelt. Und Wien ist eine wunderschöne und lebenswerte Stadt. Davon abgesehen hatte ich immer auch das Gefühl, in Luxemburg nicht die Entfaltungsmöglichkeiten zu haben, die ich mir, gerade in kreativen Berufen, erhofft habe.


(Raoul Biltgen bei Radio Luxemburg; © Raoul Biltgen)


2014 wurdest du für den Friedrich Glauser Kurzkrimipreis nominiert. Was bedeutet dir so eine Nominierung?

Das ist schon sehr toll, es bedeutet einfach, dass das, was man so macht, auch von anderen als gut, als sehr gut sogar angesehen wird. Und gerade bei der Geschichte, mit der ich nominiert wurde, war mir das so wichtig. Tatsächlich hieß es vom Verlag aus nämlich, die Geschichte könne so nicht veröffentlicht werde, sie sei viel zu ausufernd und nicht nachvollziehbar und so weiter. Aber die Mitherausgeberin Sabina Altermatt hat gesagt, sie findet die Geschichte gut, so wie sie ist, und sie überlässt mir die Entscheidung. Und sie hat mir den Rücken gestärkt, die Geschichte nicht anzupassen oder brav zu machen, sondern bei dem zu bleiben, was ich geschrieben hatte. Und das Resultat war die Nominierung zum Glauser-Preis.


(Der Autor bei einer Lesung im Buchquartier; © Katharina Johanna Ferner)


Krimi, Liebesroman, Geschichtsroman, Monologroman, Lyrik, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Kolumne, ... du bist sehr vielseitig interessiert. Wo liegen deine Hauptinteressen, wenn es ums Schreiben geht?

In der Vielseitigkeit. Ich finde es langweilig, mich auf ein Genre festzulegen. Genres interessieren mich nicht. Eine Geschichte braucht eine gewisse Form, Protagonisten brauchen eine gewisse Handlung. Und wenn diese Handlung darin besteht, dass ein Mord passiert, dann ist es ein Krimi, und wenn aber jemand höchstens sich selber töten will, weil er Liebeskummer hat, dann ist es eine Liebesgeschichte. Das entscheide ich nicht, und ich will das auch gar nicht entscheiden.


Und was liest du gern?

Ebenso sehr Unterschiedliches. Zuletzt habe ich zum Beispiel „Das Lavendelzimmer“ von Nina George, „Rapunzelgrab“ von Judith Merchant und „A Knight Of The Seven Kingdoms“ von George R.R. Martin gelesen, also ein Selbstfindungsroman, ein Krimi und fantasy.


(Raoul Biltgen bei einem Konzert in der Drachengasse: ©Florian Auer)


Du machst zurzeit auch eine Ausbildung zum Psychotherapeuten. Wie hat sich das ergeben?
Ja, ich bin Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision und arbeite als solcher bei der Männerberatung Wien. Als ich die Entscheidung dazu getroffen habe, die Ausbildung zu machen, dachte ich mir, es liegt eh so nah: Wenn ich spiele, versuche ich, mich in andere Charaktere zu versetzen, und dazu muss ich sie halbwegs verstehen. Und wenn ich schreibe interessieren mich die Menschen, die warum auch immer so handeln und fühlen und denken, wie sie es eben tun. Und nun ist es so, dass mich mein Leben als Psychotherapeut und meine Ausbildung dazu und meine Erfahrungen wieder sehr stark beeinflussen, wenn ich schreibe. Ich bin im Grunde meinem Schreiben viel näher gekommen, indem ich mir einen neuen Beruf angeeignet habe.

(©Bianca Kübler)


Wie ist Raoul Biltgen privat? So wie seine Protagonisten in den Büchern oder ganz anders?

Hm. Wie sind meine Protagonisten den so? Sie haben sicherlich sehr sehr viel von mir. Schreiben kann man meiner Meinung nach nur autobiografisch. Was nicht heißt, dass Literatur das Leben des Autors abbildet. Aber es ist ganz einfach nicht möglich, aus sich heraus zu gehen und sich komplett in andere hinein zu versetzen. Niemand kann Gedanken lesen. Und auch nicht Gefühle nachfühlen. Es ist immer nur eine Annäherung. Dies ist eine sehr wichtige Erkenntnis für mich als Psychotherapeut, es ist aber auch eine Erklärung dafür, dass ich so schreibe, wie ich schreibe, und wer anderer anders. Weil wir immer, egal wie weit irgendwelche literarischen Figuren von uns entfernt sind, nur aus unseren Augen auf sie schauen können. Es bleibt immer unsere Interpretation. Also ist das, was wir dem Leser zu lesen geben, ein Teil von uns. Und das Schöne ist: Der Leser bringt einen Teil von sich mit ein, weil er all das, was ich geschrieben habe, wieder nur mit seinen Augen sehen kann.


Was gibt es demnächst aus deiner Feder?

Ein paar Kurzgeschichten sind in Planung. Und ein neuer Roman. Da warte ich auf die Rückmeldung meiner Verlegerin. Wer weiß, wenn sie schnell ist, kann ich dir vielleicht noch einen Nachtrag schicken, dann bist du die Erste, die es verkünden darf, was als nächstes von mir kommt.


(Der Autor hätte gern ein Haus am Meer; © Raoul Biltgen)


Hast du einen bislang noch unerfüllten Traum?

Ich möchte nochmal auswandern. Ich bin ja schon ein Auswanderer, von Luxemburg nach Wien, aber irgendwann, mit 60 vielleicht, möchte ich ein Haus am Meer haben. Lange sollte dieses Haus in Irland stehen, derzeit allerdings eher in Portugal.

(Schnitzbild; © Raoul Biltgen)



Gibt es eigentlich etwas, das Raoul Biltgen nicht zu fragen oder zu sagen wagt?
Ich wage mich alles. Nur tu ich nicht alles. Das hat dann allerdings nichts damit zu tun, dass ich mich nicht wagen würde, sondern nur, dass ich es nicht will.


(©Barbara Palffy)


Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Dann hoffe ich, dass du immer tun darfst, was du willst und nie etwas tun musst, dass du nicht willst. :-D

Lieber Raoul, vielen Dank für das Gespräch! Ich habe mich sehr gefreut, dich interviewen zu dürfen und wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Projekten und allem, was du sonst noch vorhast und viel Glück und Gesundheit.


Liebe Leser/innen, wenn ihr mehr über den Autor wissen wollt und keines seiner Bücher mehr verpassen wollt, dann folgt ihm doch auf Facebook, oder schaut auf der Website www.raoulbiltgen.com vorbei oder wagt euch in seinen Blog: www.adamspricht.com/.

Wenn ihr den Autor persönlich kennen lernen wollt, dann besucht doch eine seiner Lesungen, Konzert- und Bühnenauftritte. Dazu schaut einfach immer wieder auf seinen Seiten vorbei, dort stehen die aktuellen Termine.

Am Ende des Beitrags findet ihr den Trailer zu „Jahrhundertsommer“ und den Trailer eines der Kinderstücke von Raoul Biltgen, das er mit seinem Verein Plaisiranstalt am Dschungel spielt. Viel Vergnügen!!


Und wenn ihr nichts mehr verpassen wollt, klickt euch doch auf der Facebook-Fanseite zu Lies und plausch mit Jenny ein!

Eine komplette Liste aller bisherigen Specials findet ihr auf meiner Website www.jennifer-b-wind.com

Demnächst gibt es Bücher Blitz Tipps für Weihnachten! Also klickt euch rein.

Bis bald auf Lies und plausch!

Eure Jenny